Zu Gast – Die SWR Bestenliste

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Über 100.000 Buchtitel pro Jahr oder etwa 274 Titel pro Tag erscheinen in Deutschland. Eine Jury aus derzeit 26 renommierten Literaturkritikern wählt jeden Monat zehn Bücher, denen sie möglichst viele Leser und Leserinnen wünscht auf die SWR-Bestenliste. Während die üblichen Bestsellerlisten auf das Bekannte und Etablierte vertrauen, ist die SWR-Bestenliste auf der Suche nach Neuentdeckungen, nach unbekannten Autoren, für die nicht gleich der große Werbeetat eines Verlages zur Verfügung steht, die aber Aufmerksamkeit verdienen: Das garantiert monatlich immer wieder Neues, Überraschendes und Unterhaltendes.

Über vier der zehn besten Bücher des Monats diskutieren die Literaturkritiker und Jurymitglieder Lothar Müller und Hubert Spiegel. Lesungen: Doris Wolters und Frank Stöckle. Moderation: Helmut Böttiger

Platz 1: Jan Böttcher: Y. Aufbau Verlag

Der Hamburger Szenetyp und Computerspiel-Verrückte Jakob Schütte verliebt sich in die Kunststudentin Arjeta, die aus einer albanisch-kosovarischen Familie stammt. Nach dem Krieg 1999 geht sie nach Priština zurück, Jakob folgt ihr, und es entspinnt sich eine höchst aktuelle, verworrene Geschichte aus der Gegenwart – zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen und Interessen, mit irritierenden Formen der Selbstbestimmung und ungeahnten Reflexionen über Emanzipation und Kunst.

Platz 2: Julian Maclaren-Ross: Von Liebe und Hunger. Arco Verlag

Ein Outsider, ein Bohémien, ein Trunkenbold und Genie: Julian Maclaren-Ross ist einer der großen Exzentriker in der englischen Literatur, ein Typ wie Jack Kerouac oder Charles Bukowski. Er hat nur diesen einzigen Roman hinterlassen, der 1947 sofort Kultstatus erlangte. Es geht um das aussichtslose Leben eines Staubsaugervertreters und verhinderten Schriftstellers vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – und ist aktueller denn je.

Platz 5: Graham Swift: England und andere Stories. dtv Verlag

Wer jetzt wissen will, was es mit diesem vom Kontinent abgetrennten Inselstaat auf sich hat, welche Eigenwilligkeiten und Unzugänglichkeiten auch zu Europa gehören, der lese diesen Story-Band. Swift skizziert kleine Momente aus dem Alltag, er fängt Stimmungen ein und nimmt persönliche wie gesellschaftliche Verhältnisse in den Blick. Bricht hier ein selbstverständlich scheinendes Lebensgefühl zusammen oder ist es gerade dies, was ein Land zusammenhält? Nach 25 Geschichten ist man klüger.

Platz 7: Bachtyar Ali: Der letze Granatapfel. Unionsverlag

Dieser Roman, der erste kurdisch-irakische auf deutsch, führt uns in ein wildes Nach- und Zwischenkriegskurdistan: der Peshmerga-Kämpfer Muzaferi Subhdam wird nach langer Einzelhaft entlassen. Er will seinen Sohn Saryasi wiederfinden, den er zuletzt als Säugling gesehen hat, und erlebt eine Odyssee, beginnend mit den Aufständen gegen Saddam Hussein in den Achtzigerjahren bis zum innerkurdischen Bürgerkrieg in den Neunzigern. „So, wie ein Teil unseres Lebens mit all den anderen Leben vermischt ist, so befindet sich auch ein Teil aller anderen Leben in unserem, ein Teil unseres Todes im Tod aller anderen.“