Geschichte

Die Geschichte des Hauses Fasanenstraße 23

»Vom Nordpol nach Charlottenburg«

Begleiten Sie Sebastian Januszewski bei seiner Führung durch das Haus und seine Geschichte

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1889–1916

Louise und Richard Hildebrandt

In der damals noch weitgehend unbebauten Fasanenstraße, keine 100 Meter vom Kurfürstendamm entfernt, finanzierte der wohlhabende Magdeburger Industrielle Hermann Gruson seiner Tochter Louise und ihrem Ehemann, dem Korvetten-Kapitän Richard Hildebrandt, Teilnehmer der ersten und zweiten deutschen Nordpolar-Expedition und späteren Abgeordneten der Stadt Charlottenburg, 1889 ein spätklassizistisches, sich an italienischen Vorstadtvillen orientierendes Haus als Hochzeitsgeschenk.

Das Grundstück – als Einfamilienhaus, weit eingerückt und mit einem geräumigen Garten versehen – wurde bald Zeuge der wachsenden Stadt- und Bevölkerungsentwicklung Berlins: Bauraum war knapp und musste rasch intensiver genutzt werden. So ist das Nachbargrundstück, Fasanenstraße 22, als Mehrfamilienhaus in Blockrandbebauung errichtet, wie fast alle anderen später hinzugekommenen Gebäude der Umgebung.

Das Ehepaar Richard und Louise Hildebrandt, das kinderlos blieb, bezog im November 1890 ihre Villa, die sich durch den großen Bekannten- und Verwandtenkreis rasch zu einem offenen und gastfreien Haus entwickelte. Zu den Besuchern gehörten Offiziere, Admiräle, Wissenschaftler und Künstler. Engere Freundschaften bestanden mit dem Bildhauer Johannes Götz, mit dem Komponisten Max Bruch, der angeblich auch einmal im Haus sein berühmtes Violinkonzert Nr. 1 vortrug, oder mit der königlichen Hofschauspielerin Auguste Taglioni.

Richard Hildebrandt starb 1911 in Baden-Baden, Louise führte während der ersten Jahre des I. Weltkrieges im Haus ein Reservelazarett, starb aber bereits 1916. Das Grabmal der beiden, entworfen von Fritz Klimsch, ist heute noch auf dem Luisenfriedhof III. am Fürstenbrunner Weg 65 erhalten.

1918–1953

Humboldt-Haus und DRK-Heim

Die Erben ließen das Gebäude und den Hausrat nebst Grundstück versteigern und 1918 erwarb der Warenhauskonzern Wertheim die Immobilie, mit dem Ziel, zwischen Fasanen- und parallel gelegener Uhlandstraße die bestehenden Bauten abzureißen und ein Warenhaus zu errichten. Der Plan kam jedoch nicht zur Ausführung und Wertheim vermietete das Haus zunächst an das Deutsche Rote Kreuz.

Zwischen November 1927 und Dezember 1930 nutzte die Alexander von Humboldt-Stiftung (verantwortlich für ausländische Studierende in Berlin) das Gebäude als administratives Zentrum. Es gab eine Leseecke mit internationalen Zeitungen, die Studenten konnten hier günstige Mahlzeiten einnehmen und die Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen nutzen. Der später bekannt gewordene französische Germanist Pierre Bertaux, der 1927 der allererste französische Austauschstudent war, berichtet in Briefen an seine Eltern häufig und detailliert über das Haus. In einem Brief vom November 1927 heißt es:

»Dann ging ich in die Humboldt-Stiftung. Fand zuerst die Sekretärin; Herr Dr. Göpel (so heißt er) war nicht da, aber der eigentliche Geschäftsführer ist Herr Doktor Zimmermann, ›der sie sprechen möchte‹. Wie erstaunt war ich, als ich einen jungen Mann um die 30 Jahre sah, der mir sehr freundlich erklärte, wie die Sache ist: eigentlich bezahlt das Ministerium des Äußeren. Dr. Zimmermann selbst hat (wie ich herausbekommen habe) seine Arbeit im Ministerium. Das ist also für ihn fromage. Er war sehr freundlich, zeigte mir die Räume: Empfangszimmer, Salons, Klub mit Zeitungen, Restaurant (wo ich 2 feine Eier aß) usw. Ich habe also die einzige Verpflichtung, mein Geld anfangs des Monats abzuholen. Sonst nichts. Aber es ist doch besser, daß ich auch an der ›gemeinsamen Arbeit‹ teilnehme; das heißt, daß ich manchmal komme. Wenn es mir zusagt, kann ich mittags und abends für 80 Pfennig essen.«

Auch Studentenverbindungen durften die Räume nutzen. Die »Islamia«, ein Zusammenschluss islamischer Studenten, sowie die »El Arabiya«, eine Vereinigung arabischer Studenten, hatten hier ihr Büro. Damit zusammenhängend feierte das sogenannte »Islam-Institut«, »ein wissenschaftliches Unternehmen rein islamischer Provenienz«, im Herbst 1927 seine Gründungsveranstaltung in den Räumen des Humboldt-Hauses. Russische Studenten, insbesondere die Mediävistin und Poetin Raissa Bloch und der Dichter Michail Gorlin, beide in Sankt Petersburg geboren, organisierten ab Herbst 1927 die kulturelle Veranstaltungsreihe »Na Tscherdakje« (dt. Auf dem Dachboden). Der dritte dieser Abende, der 13. November 1927, ist besonders hervorzuheben, da hier Sirin (d.i. Vladimir Nabokov) Gedichte und Essad Bey (d.i. Lew Nussimbaum) orientalische Märchen in eigener Fassung vortrugen. Ein weiterer Höhepunkt war am 7. Dezember 1929 der Besuch von Thomas Mann, der auf Einladung der internationalen Studentenschaft aus seinem noch unveröffentlichten Roman »Felix Krull« las.

Aber auch nach dem Auszug der Humboldt-Stiftung wurde das Haus für literarische Veranstaltungen genutzt. So organisierte der kleine bibliophile Verlag Die Rabenpresse, gegründet von V.O. Stomps, ab 1932 Lesungsabende im Großen Saal. Dabei trugen Autor:innen wie Max Hermann-Neiße, Asta Südhaus, Hermann Kasack, Werner Bergengruen, Paul Zech oder Oskar Loerke aus ihren Werken vor.

Nach 1934 wurde das Haus vom Deutschen Roten Kreuz als »Männerverein« (Erholungsheim für Männer) genutzt. Den Krieg überstand das Gebäude nahezu unbeschadet. In den ersten Monaten nach Kriegsende wurde eine Volks- und Armenküche, spätestens ab Ende der 1940er Jahre dann ein Flüchtlingsheim (Kapazität: 200 Plätze) eingerichtet.

Blick von der Fasanenstraße auf das Literaturhaus Berlin und den Garten.
© Phil Dera
Das Foyer des Literaturhaus Berlin mit dem schwebenden Elefanten Berolina.
© Phil Dera

1954–1983

Manja Chmiél, Dolce Vita, Wintergarten

Nach Errichtung des Zentralen Notaufnahmelagers Marienfelde wurden kleinere Flüchtlingsheime im Westteil der Stadt geschlossen, so auch die Fasanenstraße 23. Dort wechselten sich nach dem Auszug des DRK verschiedene Nutzer ab. Eine Mieterin war Manja Chmiél, Schülerin von Mary Wigman, die in der ersten Etage ihr Tanzstudio »Gruppe Neuer Tanz« aufbaute. Die Räume dienten hauptsächlich zur Probe, es wurde aber auch vor Publikum getanzt, so zur Eröffnung des Studios im Dezember 1962. Doch auch aufgrund wiederholter Mieterhöhungen des damaligen Eigentümers wanderte das Tanzstudio 1965 an einen anderen Ort.

Im Bereich des heutigen Café-Restaurants zogen verschiedene Barbetriebe ein und aus, so im Mai 1965 das Nachtlokal »Dolce Vita«. Dessen Besitzer hatte die skurrile Idee, den Baby-Elefanten Berolina für seine Shows einzusetzen. Unsachgemäß im Keller des Hauses gehalten, starb das Tier an einer Bronchitis mit Lungenentzündung. Die BZ berichtete darüber unter der Schlagzeile »Elefanten-Baby im Nachtlokal gestorben«. Heute erinnert der schwebende weiße Elefant des Künstlers Marc Bausback im Foyer an Berolina.

Der Schriftsteller Franz Tumler, der in der Nähe wohnte, war Zeuge der häufig wechselnden Nutzungen des Hauses in den 1950er und 60er Jahren, wie eindrucksvoll in seinem Text »Demnächst ein neuer Name« festgehalten ist:

»Eines Tages wurde gegenüber dem Vorbau ein Turnierpferd ausgeladen. Es graste am anderen Tag auf dem Rasen vor der Villa, an der vormals das Rote Kreuz war. Es gehörte einer jungen Frau, die zusammen mit diesem Pferd zu einem dreiwöchigen Gastspiel in einem Etablissement auf dem Kurfürstendamm engagiert war. Ihr Auftritt war um Mitternacht, da rang sie sich auf dem weichen geduldigen Tierrücken den Flitter los im Staubkegel der Scheinwerfer. Aber abends um sechs saß sie in weißer Bluse an unserem Tisch, graue Augen, schönes Haar und eine kühle Neugier von Gesprächslust unter der Haut – der Beruf: alles gelernt, geübt.«

Mehrere andere Lokale, darunter das »Café-Restaurant Wintergarten« (1973-78), versuchten sich in der Folge mit dem Standort, auch wurden die Räumlichkeiten als Wohnungen vermietet. Der Garten erlitt eine weiträumige Bepflasterung zugunsten von Parkplätzen, sogar eine Würstchenbude stand eine Zeitlang auf dem Grundstück.

Der Eintrag in die Denkmalsliste verhinderte von nun an jegliche Abrissbemühungen.
1983 schließlich erwarb das Land Berlin die Immobilie samt Garten von Wertheim.

1984–1986

Drohender Abriss, Denkmal, Gründung des Literaturhaus Berlin

Mitte der 1980er Jahre erschien im Auftrag des Senats eine Studie mit dem Titel »Bericht zur Situation der Literatur in Berlin«, darin heißt es, dass die Literatur mit lediglich 0,5 Prozent (d.i. 1,4 Millionen Mark, Stand 1983) des Kulturhaushaltes gefördert wird. Der damalige Kultursenator Volker Hassemer schlussfolgerte, dass »die allzu lange recht stiefmütterlich behandelte Sparte Literatur besser gefördert werden soll.« Recht schnell verband man die Idee, einen zentralen Ort für die Vermittlung von Literatur und Öffentlichkeit zu schaffen, mit dem gerade vom Senat Berlin erworbenen Haus, Fasanenstraße 23. 1984 wurde ein Trägerverein gegründet, der aus Berliner Autorenverbänden und literarischen Vereinigungen bestand. Diesem Verein wurde seitens des Senats die Verwaltung übertragen. Der Verein ernannte den Literaturwissenschaftler und -kritiker Herbert Wiesner zum ersten Leiter. Ab 1984 wurde das Haus umfangreich saniert und den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzung angepasst.

1986–2017

»Ein ganzes Haus für die Literatur«

Im Juni 1986 öffnete das Literaturhaus Berlin erstmals seine Türen für das Publikum. Dass hier der Begriff Literatur breiter aufgefasst wurde, war gleich am Eröffnungstag zu sehen. Eine Diskussionsrunde hieß »Fußball und Literatur«. Neben der klassischen Buchvorstellung von nationalen und internationalen Schriftsteller:innen wurde auch den Genres Theater, Film und Hörspiel eine Plattform geboten. Im August 1986 gab es einen ersten langenTheaterabend: Autor:innen setzten sich in kleinen Dramoletten mit Shakespeares »Sommernachtstraum« auseinander. Regelmäßig wurden neue Hörspiele im Haus vorgestellt. Zwei Projektoren ermöglichten professionelle Filmvorführungen. Mit der literarischen Ausstellung »Industriegebiet der Intelligenz« hatte man eine weitere Form der Literaturvermittlung gefunden. Diese und zahlreiche folgende Ausstellungen verschafften dem Literaturhaus Berlin Anerkennung weit über die Grenzen Berlins hinaus. Herbert Wiesner führte das Literaturhaus Berlin bis 2003, dann übernahm der aus dem Banat stammende Autor, Übersetzer und Herausgeber Ernest Wichner die Leitung.

1986–heute

Janika Gelinek und Sonja Longolius übernahmen 2018 die Leitung des Hauses. Von Beginn an war ihr Anspruch, die über hundertjährige Villa – als Ort der Literaturvermittlung – weit zu öffnen, neue Publikumsschichten zu erschließen und die Geschichte, inbegriffen die abwechslungsreiche und spannende Historie des Hauses, lebendig werden zu lassen. So wurde nicht nur das Junge Literaturhaus gegründet, mit Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, sondern auch neue Veranstaltungsformate ausprobiert: 24-Stunden Lesungen, Brown Bag Lunches zur Mittagszeit, Garten-, Terrassen- und Balkonveranstaltungen, große Festivals und mehrsprachige Szenische Lesungen. Die Räume und der Schaukasten am Zaun wurden für die Kunst geöffnet, während der Corona-Pandemie trat das Haus konsequent den Weg ins Digitale an: Seitdem lassen sich beinahe alle Veranstaltungen des Hauses professionell gestreamt kostenlos auf dem Literaturkanal (www.literaturkanal.tv) verfolgen – Ausdruck fortwährend angestrebter Barrierefreiheit.

Publikation

Über die Geschichte des Hauses informiert die von Sebastian Januszewski mit herausgegebene Publikation: »Fasanenstraße 23. Geschichte. Spaziergänge. Literatur«.

Führungen

Außerdem finden regelmäßig Führungen im und um das Literaturhaus Berlin statt. Termine finden Sie in der Programmübersicht.