Wasser – Stadt. 300 Jahre St. Petersburg

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Mit Gillian McIver, Mascha Godovannaja, Michail Goroschko, Frank Herrmann, Sergej Moschkow, Leonid Kolibaba, Franz Rodvald, Dr. Rosalinde Sartorti, Prof. Dr. Georg Witte, Boris Konstriktor, Boris Kipnis, Wladimir Kutscherjawkin und Arkadij Dragomoschtschenko

Ausstellungseröffnung

Mit Gillian McIver, Mascha Godovannaja, Michail Goroschko, Frank Herrmann, Sergej Moschkow, Leonid Kolibaba, Franz Rodvald, Dr. Rosalinde Sartorti, Prof. Dr. Georg Witte, Boris Konstriktor, Boris Kipnis, Wladimir Kutscherjawkin und Arkadij Dragomoschtschenko

300 Jahre Geschichte von St. Petersburg ranken sich um den Topos Wasser. Die Ausstellung – eine Begegnung zwischen russischen und deutschen Künstlern – thematisiert mit den Medien Film, Fotografie, Plastik und Musik in spielerischer und zugleich verfremdender Weise die Beziehung Wasser – Stadt. Über die sinnlich-ästhetische Seite des Wassers, etwa als Medium zur Repräsentation imperialer Größe, wie auch durch seine bedrohlich zerstörerische Kraft eröffnet sich ein Spektrum von Farben, Klängen, Formen und Bewegung, das den Betrachter an ein Petersburg heranführt, das ihm in dieser Weise nicht vertraut ist: eine Art Gratwanderung zwischen Entzücken und Entsetzen.


Gillian McIver
Aufgewachsen in Vancouver, Kanada. Studium der Film- und Kunstwissenschaften in London. Seit Mitte der 90er Jahre zahlreiche Künstlerische Arbeiten mit Video und Installationen. Mitgründerin der internationalen Künstler- und Kuratorengruppe »Luna Nera«. Lebt zwischen London, Berlin und St. Petersburg.
»Brückenblicke« Filmmontage
Die geöffneten Brücken der Newa sind in ihrer bildlichen Verbreitung auf Postkarten, Zeichnungen und im Film zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. 1991 boten sie die Ausstellungsfläche moderner Plakatkunst, ein Event, das Juris Lesniks Film »Die Exotik des Klassischen« dokumentiert. Daneben existieren in der Geschichte des sowjetischen Films eine Reihe geradezu klassischer »Brückenszenen«.
Die Neukomposition dieser Szenen in Form einer Filmmontage dient der Annäherung an die Brücke als Metapher. Die Besonderheit der sich öffnenden und schließenden St. Petersburger Brücken liegt in der Bewegung, die ein breites Assoziationsfeld künstlerischer Aussage und Gestaltung zuläßt. Die Unterwerfung einer Stadt unter den Rhythmus der Brücken impliziert sowohl Ausrichtung nach der Zeit, den Wettlauf mit ihr als auch geduldiges Warten. Dem liegt der Fluß – gleichgültig, beständig und ruhig – zu Füßen.


Mascha Godovannaja
Geboren 1976 in Moskau. Ausbildung zur Verlagslektorin in Moskau. Abschluß der Filmhochschule in New York. Seit 1997 Kuratorin im Antology Film Archiv, New York. Lebt z. Zt. in St. Petersburg.
»Tropfen auf Marmor. Das Fließende und das Feste« Videoinstallation
Das Kokettieren mit der stummen Meerjungfrau und das Umarmen eines wasserspeienden Dämons, das zeitlose Plätschern auf Marmor und Gold widerspiegeln das Lächeln einer imperialen Macht ob ihres Triumphes über das Bedrohliche der Elementargewalt.
Die Wasserspiele, Brunnen und Kaskaden sind romantisierende Metaphern des Überflusses und Illusion eines nie versiegenden Quells.


Michail Goroschko
Geboren 1957 in Leningrad. Studium der Malerei an der Leningrader Kunsthochschule. Tätigkeit als freischaffender Maler und Grafiker. Seit 2000 fotografische Arbeiten.
»Regenrinnen« Fotografien
Rinnen und Rohre, industriell gefertigte Gegenstände, bestimmt zum Sammeln und Kanalisieren des Regenwassers, zum Schutz vor der Nässe, die aus den Wolken auf die Dächer herabkommt, diese Rinnen und Rohre haben in Petersburg ein Eigenleben entwickelt und geben der Stadt ein ganz besonderes Gepräge. Sie haben unter dem Einfluß der Witterung die ursprüngliche Gleichförmigkeit, ihre nüchtern funktionale Ästhetik abgelegt. Im unfreiwilligen Dialog mit der Nässe beginnen sie sich zu verformen und verwandeln sich in bizarre, an mythologische Urgestalten erinnernde Wesen. Sie spreizen sich, ziehen sich zusammen, platzen, zerbersten gar, verändern ihre Farbe, bäumen sich auf, lösen sich aus ihren Fesseln und versuchen sich so ihrer Aufgabe zu entziehen. Zum Schutz vor dem Wasser gedacht, werden sie selbst zum Opfer dieses Elements.
DER BLICK AUF DIE RINNEN UND ROHRE DER STADT SCHWANKT ZWISCHEN BEHÄBIGKEIT, SCHWERMUT UND SCHWÄRMERISCHER TOLLHEIT, EINE ART GRATWANDERUNG ZWISCHEN ENTZÜCKEN UND ENTSETZEN.


Frank Herrmann
Geboren 1955 in Karl-Marx-Stadt. Dipl.-Ing. für Wasserbau. Seit 1985 freischaffender Künstler.
»Stadt im Fluss der Zeit« Fotografie / Installation
Ausgewählte Postkartenmotive von zentralen Plätzen und Bauten der Stadt sind der Ausgangspunkt für eine zeitlich beschleunigte Metamorphose unter der Einwirkung des Wassers. Durch den Kontakt des Fotos mit dem Wasser entsteht ein über die Zeit der Ausstellung wirkender Prozeß, der die Konturen und Silhouetten scheinbar vertrauter Motive in neuem Licht erscheinen läßt.


Sergej Moschkow
Geboren 1961 in Leningrad. Toningenieur und Tonmeister. Tätigkeit als Tonmeister für zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme.
»Die Stimmen des Wassers« Klang- und Geräuschkomposition / Rauminstallation
Das Entdecken der Klang- und Geräuschwelten des Wassers steht im Mittelpunkt dieser Komposition. Nicht nur das Zusammentreffen des Wassers mit Metall, Glas, und anderen Klangkörpern findet dabei seine Beobachtung. Die Stimmen des Wassers werden gesucht in ihrer Bewegung und Zeit, in der Veränderung der Aggregatzustände und in ihrer Entfernung zum Hörer.
Das daraus entstehende Klangbild wird in einem der Ausstellungsräume als Audioinstallation wirken. Daneben wird als optische Metapher eine Installation originaler Petersburger Regenrohre stehen.


Leonid Kolibaba
Geboren 1946 in Rowno, Ukraine. Studium an der Hochschule für Industrie-Design. Mitglied des Russischen Künstlerbundes.
und
Franz Rodvald
Geboren 1957 in Kuktschetav, Kasachstan. Ausbildung zum Steinschneider. Diplom als Bildhauer im Bereich Produktdesign und Bildhauerei, St. Petersburg.
»Organisches. Anorganisches«
 Rauminstallation
Der niemals endende Versuch, das Wasser zu bändigen und einzudämmen, sich vor ihm und seiner Gewalt zu schützen, läßt sich in einer Art Mikrokosmos in der Kanalisierung des Regenwassers verfolgen. Was in anderen Städten unsichtbar und unterirdisch vor sich geht, das Sammeln und Ableiten des Regenwassers, spielt sich in Petersburg vor aller Augen ab. Rinnen und Rohre laufen an den Fassaden entlang und führen ein wahres Eigenleben. Im Dialog mit der Nässe verwandeln sie sich von nüchternen industriellen Gegenständen in mythologische Urgestalten, vom Anorganischen in Organisches.
Als zeugen der immerwährenden Auseinandersetzung zwischen dem Wasser und der Stadt, sind sie selbst ein Stück Petersburger Geschichte und damit wert und würdig, als Museumsstück für die Nachwelt konserviert zu werden.


Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Mit freundlicher Unterstützung der Hahn-Produktion im Auftrag des Auswärtigen Amtes im Rahmen der Russischen Kulturtage in Deutschland und durch das Landesinstitut für Schule und Medien.

Zusammen mit dem Osteuropainstitut der FU Berlin, Dr. Rosalinde Sartorti, und dem Institut für Slawistik der HU zu Berlin, Prof. Dr. Georg Witte.
Konzeption: Rosalinde Sartorti


Zur Ausstellungseröffnung liest Boris Konstriktor, er wird auf der Geige begleitet von Boris Kipnis.
Boris Konstriktor, 1950 geboren, war im literarischen Samizdat mit zahlreichen Essays und experimentellen Texten vertreten, er war Mitarbeiter der Samizdatzeitschrift für visuelle Poesie »Transponans« und veröffentlichte seit den neunziger Jahren mehrere Gedicht- und Prosabände. Gabriele Leupold hat die Texte von Boris Konstriktor übersetzt.

11. Juli bis 17. August
Geöffnet täglich 11.00-19.00 Uhr
Eintritt: 3,- Euro / ermäßigt 2,- Euro


20.00 Uhr

Poesie aus St. Petersburg

Wladimir Kutscherjawkin und Arkadij Dragomoschtschenko lesen aus ihren von Jan Wagner, Sergej Gladkich und Georg Witte übersetzten Gedichten.
Wladimir Kutscherjawkin ist 1947 in Kaliningrad (Königsberg) geboren und lebt in St. Petersburg. Er arbeitete als Schlosser, „lebte auf Bahnhöfen und sang mit Zigeunern“, studierte Philologie, ist Andrej-Belyj-Preisträger, hat mehrere Gedichtbände und Übersetzungen aus dem Englischen veröffentlicht.
Arkadij Dragomoschtschenko ist 1946 geboren, hat Philologie und Theaterwissenschaften studiert, als Dramaturg gearbeitet und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift »Kommentarii«. 1982 erhielt er den Andrej-Belyj-Preis und 1995 den Preis des Online-Journals »PostModernCulture«. Er hat fünf Gedichtbände in russischer Sprache publiziert und zwei auch ins Amerikanische übersetzte Bücher.
Konzeption: Gabriele Leupold, Rosalinde Sartorti, Georg Witte

Gefördert von der Stiftung Preußische Seehandlung.