Suchers Leidenschaften: Heinrich von Kleist
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Mit C. Bernd Sucher
Heinrich von Kleist ist nicht deshalb in meiner Leidenschaften-Reihe, weil sich am 21. November 2011 sein Todestag zum 200. Mal jährt. Auf solche Zufälle habe ich in all den Jahren nie Rücksicht genommen. Der Kleist-Vortrag kommt so spät nur, weil ich mich rückwärts bewege – vom 20. Jahrhundert hoffentlich bis ins 12. Und zudem habe ich mich vorher nicht an ihn gewagt. Ich schätze Kleist außerordentlich: sein Werk und den Menschen. Das Werk, das am besten beschrieben ist mit drei Adjektiven, die nicht Synonyme sind, sondern Steigerungsformen: rätselhaft, rätselvoll und rätselreich.
Sein Leben ist nicht minder reich an Rätselhaftem. Nicht nur sein Freitod am Stolper Loch, dem heutigen Kleinen Wannsee, bleibt ein Rätsel, sondern auch sein unstetes Reisen, seine Bindungsunfähigkeit, seine lebenslange Todessehnsucht. Warum hatte er außer seiner lebenslangen tiefen Freundschaft mit seiner Halbschwester Ulrike Philippine nie eine dauernde und glückhafte Beziehung zu einer Frau. Die Antwort der Biographen: Kleist war homosexuell, was sich durchaus auch in seinen Frauengestalten widerspiegelt.
Ich schätze das Drama »Penthesilea« vor allen anderen. Ich mag von seinen Erzählungen »Die Marquise von O …« lieber als »Michael Kohlhaas«. Und von seinen Schriften sind mir jene wenigen Seiten die liebsten, die den Titel tragen »Über das Marionettentheater«. Weil darin sein gesamtes dramatisches Werk reflektiert wird und auch das Dilemma dieses Lebens sich daraus erschließen läßt.
Es gibt keinen einzigen Text von Kleist – und ich zähle seine zahlreichen Briefe dazu – der den Leser oder den Zuschauer unberührt läßt. Selbst das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« ist so lustig nicht. Denn die Liebe zwischen Eve und Ruprecht ist mehr als verletzt worden; und was aus dem Dorfrichter Adam wird, der fliehen muß, ist ungewiß. Selbst das Verwechslungsspiel in »Amphitryon« ist nur dann amüsant, wenn man Alkmenes letztes »Ach!« nicht mitdenkt. Kleists Dramen und Erzählungen verwirren und enden alle nicht wirklich glücklich. So wenig wie Kleists rastloses, von ständiger Todessehnsucht geprägtes Leben ein glückliches ist. Überall hören und lesen wir: Ach!