»Samizdat« im GULAG. Eine schwarze Literaturgeschichte
Diese Veranstaltung liegt im Archiv
Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Literaturhauses Berlin mit MEMORIAL Moskau
Präsentation in Bremen in Kooperation mit dem Haus der Wissenschaft
Öffnungszeiten:
5.11.2016 – 14.1.2017, Mo – Fr 10 – 19 Uhr, Sa 10 – 14 Uhr
In den großen literarischen Werken, die Alexander Solschenizyn, Jewgenija Ginsburg und Warlam Schalamow nach ihrer Lagerzeit über den GULAG verfaßten, finden sich bemerkenswert viele Erinnerungen daran, wie in den Gefängnissen und dann in den extremen Verhältnissen der Lager die Rückbesinnung auf Gedichte, auf lange Poeme und ganze Romane für einige der unschuldig Verhafteten und Deportieren der letzte Überlebenshalt wurde. Vor allem beim stummen oder weitergebenden Vortragen von Lyrik ergaben sich kurze Momente individueller Freiheit, die resistent machten gegenüber den grausamen Quälereien. Manchen Häftlingen gelang es sogar – mit weitgehend konspirativ besorgten Utensilien -, wissenschaftliche Abhandlungen, Gedichte, kurze Erzählungen aufzuschreiben und Geschichten kunstvoll zu illustrieren.
Im Archiv von MEMORIAL Moskau wurden diese »Samizdats«, die »selbstverfertigten Niederschriften« aus dem GULAG und aus der Verbannung aufbewahrt, darunter Bände mit fragilen Zigarettenpapier-Seiten, ein schmales Album mit einem Birkenrinden-Umschlag, daumennagelgroße Gebetbücher, Gedichtbände, Übersetzungen, illustrierte Märchen für Kinder und handgeschriebene Lehrbücher. Aber auch eine geradezu freizügige, aufwendig colorierte Fassung von Voltaires »Die Jungfrau von Orleans« und das Tagebuch eines Lageraufsehers, das dessen allmähliche Erkenntnis widerspiegelt, einem totalitären Willkürsystem zu dienen. Außerhalb Rußlands war die Existenz dieser Sammlungsstücke bislang kaum bekannt.
Von dieser »schwarzen Literaturgeschichte« der Sowjetzeit und von signifikanten Etappen der repressiven stalinistischen Literaturpolitik erzählt die Ausstellung »Samizdat« im GULAG. Einige Tonbeiträge sowie ausgewählte Dokumentarfilme ergänzen die Darbietung.
Die neu erarbeitete Begleitbroschüre enthält zahlreiche Abbildungen und dokumentiert die Entstehensumstände einiger der im GULAG angefertigten Niederschriften und informiert, soweit möglich, über die Verfasserbiographien, die von MEMORIAL Moskau aufwendig recherchiert wurden: in der Ausstellung erhältlich.
Für die Förderung des Projekts danken wir dem Hauptstadtkulturfonds und der Bundesstiftung Aufarbeitung sowie der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.