Neun Monate. Über das Sterben meiner Mutter
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Und dann stehe ich da, mitten im Suq, um mich der Lärm der Händler, Musik, schaue um mich – was für Augen und Gesichter – und denke: Und warum eigentlich nicht? Warum sollte sich denn nicht auch meine Mutter mal anders benehmen dürfen als sonst, unerhört, verstörend, laut. So wie die Menschen hier. Wer eigentlich stellt die Normen auf? Wer bestimmt das Maß dessen, was sich gehört? Und was ist Wirklichkeit?
[Roswitha Quadflieg]
Eine 92-jährige Frau wird »verrückt« und macht sich auf, um zu sterben. Neun Monate dauert es, bis sie ans Ziel kommt. Ihre Tochter begleitet sie, hört zu, notiert, wird zur Chronistin dieser seltsamen Wanderung durch ein Niemandsland, die neugierig macht, in Staunen versetzt, Verzweiflung, Weinen und Lachen gebiert. Auf diesem Weg geraten alte Gewißheiten ins Wanken: Was ist »normal«, was nicht? Ist es nicht auch ein Glück, für die Mutter, nach all den Jahren der Hingabe an Familie, Kinder, Beruf, endlich einmal die Bürde der Verantwortung abzuwerfen und »Frau Anders« zu sein? Auf der Reise in den Tod kommen sich Mutter und Tochter auf völlig neue Weise nahe.
Roswitha Quadflieg, 1949 in Zürich geboren, lebt als freie Autorin in Berlin. Zuletzt veröffentlichte sie u.a. den Roman »Requiem für Jakob« (2004), den Band »Beckett was here« (2006) über Samuel Becketts Besuch in Hamburg 1936 sowie den Roman »KönigsSohn« (2012). Im Frühjahr dieses Jahres haben wir die Ausstellung »Die Werkstatt der Raamin-Presse 1973-2003« mit zahlreichen bibliophilen Drucken von Roswitha Quadflieg gezeigt.
Roswitha Quadflieg liest aus ihrem soeben im Berliner Aufbau-Verlag erschienenen Buch.
Moderation und Gespräch: Sigrid Brinkmann