Mythenbildung und Meinungsfreiheit. Der bulgarische Bilderstreit
Diese Veranstaltung liegt im Archiv
Mit Sibylle Lewitscharoff, Martina Baleva, Ernest Wichner, Dr. Mechthild Borries-Knopp und Dr. h.c. Walther Leisler Kiep
Villa Aurora e.V. veranstaltet in Kooperation mit der Atlantik-Brücke in Berlin jedes Jahr am 10. Mai eine Veranstaltung zum historischen Tag der Bücherverbrennung, die sich aktuellen Beispielen zur Bedrohung der freien Meinungsäußerung widmet.
Begrüßung: Ernest Wichner, Leiter Literaturhaus Berlin
Eröffnung: Dr. Mechthild Borries-Knopp, Geschäftsführung Villa Aurora e.V.
Schlusswort: Dr. h.c. Walther Leisler Kiep, Ehrenvorsitzender Atlantik-Brücke e.V.
Die Kunsthistorikerin Martina Baleva und die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff diskutieren am Beispiel eines aktuellen Falles von Bücherverbrennung darüber, wie Bilder zur Bildung bzw. Ideologisierung des kollektiven nationalen Gedächtnisses beitragen und wie sehr die freie Meinungsäußerung dadurch bedroht sein kann.
Martina Baleva untersuchte im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit das Gemälde »Das Massaker von Batak«, das – 1892 von Antoni Piotrowski auf breiter Leinwand in Szene gesetzt – in allen Schulbüchern vertreten ist und bis heute das patriotische Bewußtsein Bulgariens prägt. Piotrowskis Bild zeigt weibliche Opfer, hingemetzelt und verstümmelt, vor der Kulisse brandschatzender Muselmanen. »Das Massaker von Batak« half mit, die bulgarische Nation zu formieren und wurde zum Sinnbild eines heroischen und siegreichen Kampfes des Christentums gegen den Islam. In der Geschichtsschreibung steht Batak für den heldenhaften Abwehrkampf bulgarischer christlicher Patrioten gegen islamische Truppen. Diesen Kampf gab es nicht, stattdessen »nur« einen Bürgerkrieg, der von beiden Seiten mit großer Brutalität geführt wurde.
Baleva entdeckte, daß das Gemälde aufgrund von inszenierten Fotos arrangiert wurde und daß die Zahl der Opfer stark übertrieben ist. Sie stellte die Ergebnisse ihrer Forschungen in de Fachpresse vor. Doch schnell bekam sie landesweite Aufmerksamkeit: Ganz Bulgarien empörte sich über ihren Artikel. Nahezu alle gesellschaftlichen Kreise beschimpften sie – bis hin zur geistigen und politischen Elite des Landes. Seit April 2007 erhielt die Kunsthistorikerin Morddrohungen per Telefon, E-Mail und im Internet. Der Katalog zu einer Ausstellung, die zu dem Thema Batak entstand, wurde in Bulgarien öffentlich verbrannt, die Autorin mußte Bulgarien verlassen.
Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, lebte jeweils ein Jahr in Buenos Aires und Paris und danach wieder in Berlin. Sie ist Autorin von Radiofeatures und Hörspielen und hat ein Grammatik-Brettspiel erfunden. Den Durchbruch als Autorin erlebte Lewitscharoff 1998, als sie für ihren Roman »Pong« den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Zuletzt veröffentlichte sie die Romane »Consummatus« (2006) und »Apostoloff« (2009). In diesem Jahr erhielt die Autorin den Berliner Literaturpreis, mit dem eine Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin verbunden ist.
Eine Veranstaltung der Villa Aurora in Zusammenarbeit mit der Atlantik-Brücke anläßlich des 77. Jahrestages der Bücherverbrennung