Lesung zu 25 Jahren Mauerfall
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Vor fünfundzwanzig Jahren, am Abend des 9. November 1989 erzwangen die Bürger der DDR die Öffnung der Mauer, elf Monate später wurde die deutsche Einheit vollzogen. Seitdem sind viele Geschichten aus der DDR, der Wendezeit und den ersten Jahren der Einheit erzählt worden. In der Langen Nacht, die wir einigen dieser Texte widmen, können Sie den Geschichten und Reflexionen von Andreas H. Apelt, Marko Martin, Marie-Luise Scherer und Marianne Suhr folgen.
Andreas H. Apelt: Pappelallee
»Sollten Sie der Aufforderung nicht Folge leisten, werden Sie zugeführt«. Zugeführt, auch das ist so ein merkwürdiges und doch vielsagendes Wort. Deutsche Sprache, denkt der Mann. Zugeführt, so wie zuschließen, zumachen. Nicht führen, nicht geführt, sondern zugeführt. Dafür gibt es noch nicht einmal ein richtiges Substantiv.
[Andreas H. Apelt]
Wie lebte man in Berlin-Prenzlauer Berg im Jahre 1989, wie lebten jene, die es sich im real existierenden Sozialismus eingerichtet hatten, und was unternahmen und erlebten jene – in der Regel jüngeren Menschen –, die eine andere Republik, ein anderes Leben oder gar aus dieser Republik und diesem Leben aussteigen und auswandern wollten? Andreas H. Apelt, geboren 1958 in Luckau (Brandenburg), hat mehrere Romane und zeitgeschichtliche Bücher veröffentlicht (zuletzt den Roman »Ende einer Reise«, 2012). Er liest aus dem soeben erschienenen Roman »Pappelallee« (Mitteldeutscher Verlag).
Marko Martin: Treffpunkt ’89
Der Angriff auf bürgerrechtliche Selbstverständlichkeiten endete keineswegs 1989 und erfährt inzwischen sogar eine globale Weitung – und dies nicht nur in Putins Attacken gegen die Ukraine. Weder die offiziellen Lautsprecher in seinem resowjetisierten Rußland noch die Partei-Ideologen aus Peking sparen gegenwärtig mit Spott über den europäischen Sozialstaat und Individualismus, wo doch orthodoxe Popen die besten Sinnstifter wären oder das chinesische Modell zeige, daß es wirtschaftliche Prosperität auch geben könne ohne störende Menschenrechte, Gewerkschaften und öffentliche Kritik.
[Marko Martin]
Weil dem so ist, stellt Marko Martin jene Europäischen Intellektuellen vor, die in ihrem Denken und Handeln die Zäsur von 1989 ermöglicht und befördert haben, von Elisabeth Fisher-Spanjer und Reiner Kunze bis Milan Kundera, Josef Skrvorecký, Tomas Venclova, André Glucksmann, Manès Sperber, Jürgen Fuchs und Albert Camus. Er liest aus seinem soeben erschienenen Buch »Treffpunkt ’89« (Wehrhahn Verlag).
Marianne Suhr: Roter Milan
Sonntag, 5. November 1989. […] Markus Wolf, der langjährige Spionagechef der DDR, sprach besonnen und oberflächlich selbstkritisch. Er wurde ausgepfiffen. Stefan Heym, der inzwischen weißhaarige Schriftsteller, dessen Bücher auch – oder in letzter Zeit nur – im Westen erschienen sind, erntete heftigen Beifall, als er sagte: Wir haben in den letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.
[Marianne Suhr]
Marianne Suhr liest aus ihrem Roman »Roter Milan« (edition ebersbach).
Marie-Luise Scherer: Die Hundegrenze
In der vorderen Gasse sprangen die Schäferhunde Amor, Muck und Brando an ihren Auslaufgittern hoch. Es waren ältere Diensthunde mit Herkunftspapieren und Prüfungsdiplomen, die an der Seite eines Hundeführers einmal Grenzdienst gemacht hatten. Jetzt hatten sie den Verlust ihrer Herren zu verwinden, in die Städte zurückgekehrte Soldaten ohne weitere Verwendung für sie.
[Marie-Luise Scherer]
Marie-Luise Scherer liest aus ihrer Erzählung »Die Hundegrenze« (Matthes & Seitz Berlin