Im Labor der Phantasie. Vorträge zu Literatur- und Wissenschaftsgeschichte 4

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Mit Nicolas Pethes und Jutta Müller-Tamm

Mit Nicolas Pethes und Jutta Müller-Tamm

Experiment Erzählen: Die Fallgeschichte als Schreibweise des Menschenversuchs um 1800

Nicolas Pethes, Professor für Europäische Literatur und Mediengeschichte,
Universität Hagen

Das Experiment ist im Diskurs der Literaturwissenschaften immer schon eine doppeldeutige Kategorie gewesen: Zum einen stellt es als Methode für die Beobachtung gesetzmäßiger Abläufe in der Natur eine Basisreferenz für kausale Erzählmuster dar, zum anderen bezeichnet es die Suche nach formalen Innovationen im Kontext avantgardistischer Ästhetiken. Der Vortrag beleuchtet diejenige historische Konstellation, in der diese beiden literarischen Dimensionen des Experimentellen konvergieren: An der Wende zum 19. Jahrhundert orientieren sich die entstehenden Wissenschaften vom Menschen zunehmend an Methoden der experimentellen Beobachtung und etablieren hierfür das neue Textgenre der Fallgeschichte, das nicht nur aufgrund seiner kriminaljuristischen Provenienz von rhetorisch-narrativen Strukturen geprägt ist, sondern auch eine neue Untergattung der zeitgenössischen Erzählliteratur bildet.

Die experimentelle Beobachtung des Menschen wird auf diese Weise nicht nur motivisch sondern auch gattungspoetologisch prägend für die literarische Anthropologie um 1800. Entscheidend für die Frage nach der zeitgenössischen Relation zwischen Wissenschaft und Literatur ist dabei, daß sich von Carl Philipp Moritz »psychologischem Roman« Anton Reiser bis zu Georg Büchners novellistischen bzw. dramatischen Fallstudien Lenz und Woyzeck zeigen läßt, wie der Wortlaut ‚wissenschaftlicher’ Beobachtungsprotokolle unverändert in die ‚literarischen’ Bearbeitungen übernommen wird und die Unterscheidung zwischen empirischem Fall und ästhetischer Form daher anhand der Texte selbst kaum fundiert zu treffen ist. Auf der Grundlage einer vergleichenden Analyse solcher Textstellen und ihrer Kontexte wird der Vortrag die Fallgeschichte als Literatur und Wissenschaft umgreifende Schreibweise vorstellen, die das Korrelat zur neuen Leitmethode der Anthropologie um 1800, dem Experiment, bildet.

Zur Einführung spricht Jutta Müller-Tamm (Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin).

Veranstaltungsreihe des Instituts für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der BASF AG. Konzeption: Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm; Organisation: Dr. Erik Porath.