Im Labor der Phantasie. Vorträge zu Literatur- und Wissenschaftsgeschichte 3

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Mit Jutta Müller-Tamm

Mit Jutta Müller-Tamm

Albrecht Koschorke: Das Problem des Realen [oder: Unvermeidlich und nicht zu fassen.
Das Reale als Problem in der Wissenschaftsgeschichte und Literatur]
Albrecht Koschorke ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz.

Zur Einführung spricht Jutta Müller-Tamm (Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin).

Die kulturwissenschaftliche Debatte der letzten Jahrzehnte war vorrangig auf die Selbstreferenz von Texten, Sprache und kulturellen Symbolisierungen gerichtet. Es ging darum, die gesellschaftliche und geschichtliche Bedingtheit von Zeichenprozessen und der sich daraus ergebenden Objektkonstitutionen vor Augen zu führen. Diese Akzentsetzung, die sich unter den Sammelbegriff ‚Konstruktivismus’ fassen läßt, fordert ihren Preis. Sie läßt die Dimension der Fremdreferenz von Zeichensystemen in den Hintergrund treten, erzeugt eine gewisse Verlegenheit, was die Frage nach dem Realen unabhängig von der jeweiligen kulturellen Symbolwelt betrifft, und läuft dadurch Gefahr, den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften weiter zu vertiefen.
Bei genauerem Hinsehen handelt es sich hier jedoch nicht erst um ein postmodernes Dilemma, sondern um einen Zwiespalt, der schon das moderne Denken grundiert. Denn es bildet geradezu die Signatur der Moderne, daß sie ihren großen Erfolgen in der Praxis eine tiefe Skepsis hinsichtlich der Erkennbarkeit der ‚Dinge an sich’ und der Zugänglichkeit der Natur durch den Menschen entgegenstellt. Die kulturellen Selbstdiagnosen der Moderne werden von einem Narrativ beherrscht, das einerseits von der wachsenden Autonomie des Subjekts und der Kultur als selbstgeschaffener menschlicher Bedeutungswelt Zeugnis gibt, andererseits aber in seinem pessimistischen Gegensinn eine (oft literarisch ausgestaltete) Geschichte vom Verlust der Referenz, vom Verfall der Nähe zu den Dingen und von der Entwirklichung der Erfahrung erzählt.
Dieses gespaltene Narrativ prägt auch den Begriff des Realen in der Moderne, das kaum anders als paradox zu haben ist: als etwas, das sich im Prozeß seiner Aneignung entzieht, das zur Symbolisierung und Repräsentation drängt, aber durch beide immer zugleich ver-stellt wird – sowohl Matrix als auch Hindernis kultureller Bedeutungsproduktion.

Veranstaltungsreihe des Instituts für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der BASF AG. Konzeption: Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm; Organisation: Dr. Erik Porath.