FREMDHEIT. FLUCHT. ANGST. AUFBRUCHSPHANTASIE 1

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Was erzählt uns die Literatur darüber?

Niedergedrückt sind wir heute vom Elend des Unterwegsseins aus Not, der Flucht von so vielen Menschen, von Gewalt und Hass. Flucht im 20. Jahrhundert – das war aber auch einmal Aufbruch in Gegenwelten zur Wohlstands- und Konsumgesellschaft, zu dem als überholt empfundenen Alten, als gefeierte poetische Überhöhung des Fremden und des Unterwegsseins.

Wir haben erlebt, wie die nomadische Existenz des Menschen, trotz des oft daran geknüpften Elends, auch euphorisch begrüßt und künstlerisch umgesetzt werden kann.

In diesem Sinn steht die Veranstaltungsreihe auch unter dem Motto:

»Faszination und Elend der nomadischen Existenz des Menschen«

Das 20. Jahrhundert ist ein Jahrhundert massenhafter Fluchtbewegungen unvorstellbaren Ausmaßes. Zugleich verkörpert dieses Jahrhundert eine Zeit der Aufbrüche, der mit Neugierde und Phantasie betriebenen freiwilligen Flucht in andere, vermeintlich exotische Welten.

Denken wir nur an die Nachwirkungen von Gauguins Südsee und Rimbauds Äthiopien, an Blaise Cendrars‘ und Henri Michaux‘ artistische Abenteuer ohne Netz, an die Sehnsucht der Nach-68er, in Welten des Rausches, der Ekstase und Transzendenz einzudringen, und an die neue Blüte der Ethnologie und Ethnopoesie (im Anschluß an die großen Forschungsreisenden Bronislaw Malinowski, Victor Segalen, Marcel Griaule, Michel Leiris, Hubert Fichte und andere).

Sie brachen nicht nur in bis dahin kaum geschaute, zumindest nicht oder nur wenig erforschte Welten auf. Sie suchten auch nach einer neuen Sprache, einer Sprache, die Kunde gibt von den in der Südsee, in Afrika, im Nahen und Fernen Osten entdeckten Gesetzen und Strukturen, von der Logik, wie auch von der Poesie im Leben, im Handeln und im Glauben der »Fremden«.

Eine herausragende poetische Überhöhung des Unterwegsseins ging in den fünfziger, sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Schriftstellern der Beat-Generation aus. Wie schwer es war, diese Aufbruchsphantasien des Menschen grundsätzlich zu erforschen, zeigt sich an dem letztlich nie zu Ende geführten riesigen Projekt von Bruce Chatwin zur nomadischen Existenz des Menschen.

Wir möchten in dieser Veranstaltungsreihe diese Literatur auf die gegenwärtige politische Aktualität hin erweitern. Gleichzeitig wollen wir weit darüber hinausgehende Welten der Phantasie stark machen. So gehen die Autoren auch von ihrer eigenen Reise- und Fremdheits-Erfahrung aus.

Eine zentrale Frage unserer Veranstaltungsreihe lautet schließlich: Gibt es Ansatzpunkte, um die Lust aufs Reisen wieder zu wecken – im Spannungsfeld des ethnologisch-politischen Blicks und des Festhaltens an der Poesie, Schönheit und Phantasie? Ist das Ereignis des Unterwegsseins, sind Kosmopolitismus und globalisierte Welt auch jetzt noch als selbstbestimmtes Abenteuer denkbar, ein Abenteuer, das dem Hass und der Gewalt, der Dummheit und dem despotischen Wahn trotzt?

Der Schriftsteller und Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs eröffnet diese Veranstaltungsreihe mit einem Vortrag, in dem er die großen literarischen Reiseschriftsteller und Reporter des 20. und des begonnenen 21. Jahrhunderts vorstellt und erzählt, wie sie unsere Wahrnehmung der europäischen und außereuropäischen Kulturen schärften.

Frank Arnold liest aus den Werken von Etel Adnan, Bruce Chatwin, Isabelle Eberhardt, Michel Leiris und Victor Segalen. Den Abend beschließt der Ausschnitt eines Geprächs mit Roger Willemsen von 2005.