Doppelleben – Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland 1

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Mit Ernest Wichner, Klaus Reichert und Helmut Böttiger 

Mit Ernest Wichner, Klaus Reichert und Helmut Böttiger 

Eine Ausstellung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Berlin und weiteren Partnern
Konzeption: Helmut Böttiger. Mitarbeit: Lutz Dittrich

Zur Eröffnung sprechen: Ernest Wichner (Begrüßung), Klaus Reichert (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung) und Helmut Böttiger (zur Ausstellung)
Eintritt frei

Öffnungszeiten: 28. April bis 12. Juli 2009, täglich, außer montags, 11.00 bis 19.00 Uhr
Eintritt 5,- / 3,- Euro
An folgenden Tagen ist der Eintritt zur Ausstellung frei: 13. Mai (Mi.), 3. Juni (Mi.) und 24. Juni (Mi.).

Führungen durch die Ausstellung werden angeboten.
Ausstellungsbegleitend findet ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Podiumsgesprächen, Lesungen und Filmvorführungen statt.

Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland

2009 wird der sechzigste Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland begangen, ebenfalls vor sechzig Jahren wurde die Deutsche Demokratische Republik proklamiert, und vierzig Jahre später markierte der 9. November 1989 mit dem Mauerfall ein symbolkräftiges Datum im Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands. 1949 steht aber auch für eine Zäsur im kulturellen Aufbruch nach Kriegsende, deren Nachwirkungen lange nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten noch spürbar sind. Dies ist der Ausgangspunkt der Ausstellung „Doppelleben“,die „Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ versammeln will.

Literaturfunktionäre wie Kasimir Edschmid oder Frank Thiess, die in den ersten Jahren nach 1945 die Diskussion bestimmten, sind heute vergessen. Sie stehen für eine fast bruchlose Kontinuität zur Zeit des Nationalsozialismus: völkisch, opportunistisch, möchtegern-elitär. Schaut man sich die damalige Szenerie in Deutschland genauer an, so wird kenntlich, dass es kaum jemanden gab, der an demokratische Traditionen anknüpfte. Der Hass, der einer Symbolfigur wie Thomas Mann entgegenschlug, spricht Bände; ebenso die Tragik Alfred Döblins nach seiner Rückkehr Ende 1945. Auf der anderen Seite vollzieht sich der kometenhafte Wiederaufstieg von Gottfried Benn, der durch seine radikale und elitäre Ästhetik ebenso wie durch seinen stilisierten Solipsismus vielfältige Identifikationsmöglichkeiten bot. Die raren Ansätze selbstbestimmten Denkens – wie die in Dolf Sternbergers „Wandlung“ vertretenen – verpufften; das Wirtschaftswunder beförderte eine enorme Verdrängungsleistung. In den Westzonen dominierte eine Natur- und Schicksalsmetaphorik, oft christlich überhöht – die „Heile Welt“ Werner Bergengruens wurde zum Programm. Gertrud von le Fort dichtete: „Die Schuld ist ausgeweint“. In der Ostzone dagegen wirkten die totalitären Strukturen in anderer Form weiter: Die stalinistische Kampfansage gegen „Formalismus“ und „Kosmopolitismus“ war in Deutschland durch die „Blut und Boden“-Ideologie bestens vorbereitet worden, und der DDR-Kulturpolitiker Johannes R. Becher erwies sich seinen westdeutschen Kontrahenten K. Edschmid und F. Thiess gegenüber als ebenbürtig.

Die Ausstellung untersucht das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Akteure, die vielfältigen Initiativen des kulturellen Aufbruchs ebenso wie die Widerstände der alten und neuen Seilschaften. Sie geht der kurzen Blüte literarischer Zeitschriften bis zur Währungsreform ebenso nach wie den Versuchen, durch kulturelle Bildung die Demokratisierung zu fördern oder den Schulunterricht zu „entnazifizieren“. Sie folgt der herausragenden kulturellen und kulturpolitischen Rolle des Rundfunks, dem Aufbau des Literaturbetriebs mit den Verlagen, den Literaturpreisen, der Etablierung der Buchmesse und der literarischen Institutionen. Erstmals werden dabei auch Materialien zur Gründungsgeschichte der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt veröffentlicht. Sie dokumentieren wie in einem Brennspiegel den Geist der „Inneren Emigration“, des Kalten Kriegs und der Bundesrepublik unter Konrad Adenauer – schwierige Ausgangsbedingungen für die „Junge Generation“ um die Gruppe 47. Erst Mitte der fünfziger Jahre sind Anzeichen einer Nachkriegsmoderne, sind erste Lockerungsübungen deutlicher erkennbar. Die Ausstellung betont, wie mühsam es war, die von außen ermöglichten demokratischen Strukturen auszufüllen und zu behaupten, und sie zeigt die Leistung der „Außenseiter“. Auch zahlreiche Ton- und Filmdokumente vergegenwärtigen „Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“.

Ausstellungsgestaltung: Peter Karlhuber, Beratung (Wien), Günter Karl Bose
(Leipzig/Berlin), Burkhard Heine/NotTugend (Berlin), Lutz Dittrich

Die begleitende zweibändige Publikation zur Ausstellung erscheint im Wallstein Verlag, Göttingen. Band 1: Ausstellungsbuch von Helmut Böttiger unter Mitarbeit von Lutz Dittrich. Zahlreiche farbige Abb.; Band 2: Aufsätze, Ortsbeschreibungen, Lektüren und Gespräche.

Ab 3. September 2009 wird die Ausstellung im Literaturhaus Frankfurt gezeigt, danach im Literaturhaus München, in der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie in Leipzig und dabei an den jeweiligen Ausstellungsorten mit regionalen Ergänzungen erweitert.

Die Ausstellung und die anschließende Tournee, die Publikation und das begleitende Programm werden ermöglicht durch: Kulturstiftung des Bundes, hessische kulturstiftung, Deutsche Stiftung für Sprache und Literatur, Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Aventis foundation, Fazit-Stiftung und Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius