Der Stalinversteher. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937

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Ein Vortrag von Anne Hartmann

Stalin verstehen – war das überhaupt möglich für einen westlichen Intellektuellen, der in den 1930er Jahren die Sowjetunion aufsuchte? Was hat Feuchtwanger begriffen, als er dem Diktator am 8. Januar 1937 gegenübersaß? Wie weit reichten seine Kenntnis und Erkenntnis der so radikal fremden Gesellschaft? In jedem Fall zeigte er in seinem Reisebericht »Moskau 1937« viel Verständnis für Stalin und dessen Politik. Das Buch endet mit einem dreifachen emphatischen »Ja« zur UdSSR, das das Lob ihrer Gesellschaftsordnung und die Rechtfertigung der Schauprozesse einschloß. Die politischen Gründe liegen auf der Hand: Von Hitler ins Exil getrieben, setzte der deutsch-jüdische Autor seine Hoffnung darauf, daß die Sowjetunion dem Nationalsozialismus jenen entschlossenen Widerstand entgegensetzen würde, den er bei den westlichen Demokratien vermißte. Doch sind auch andere Motive benennbar, gibt es Irritationen, Widersprüche, Brüche in Feuchtwangers Verhalten und unter der glatten Oberfläche seines Reiseberichts. Ihnen will der Vortrag nachgehen und Möglichkeiten sowie Grenzen von Verstehen und Verständnis diskutieren. Dazu gehört auch die Frage, warum Feuchtwanger bis zu seinem Tod 1958 unbeirrbar an seiner Vision der sowjetischen Verhältnisse festhielt.

Dr. Anne Hartmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Slavistik/Lotman-Institut der Ruhr-Universität Bochum.

Zusammen mit der Villa Aurora e.V. anlässlich des 130. Geburtstags von Lion Feuchtwanger