Alain Mabanckou: Morgen werde ich zwanzig
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Mein Onkel behauptet, er sei Kommunist. Normalerweise sind Kommunisten einfache Leute, die keinen Fernseher, kein Telefon, keinen Strom, kein fließend Warmwasser, keine Klimaanlage haben, und sie kaufen sich nicht alle sechs Monate ein neues Auto wie Tonton René. Daher weiß ich jetzt, dass man auch Kommunist und reich sein kann. Ich glaube, mein Onkel ist so streng mit uns, weil Kommunisten keinen Spaß verstehen, wenn es um Ordnung geht, wegen der Kapitalisten, die den armen Verdammten dieser Erde Hab und Gut rauben, einschließlich ihrer Produktionsmittel. Wie sollen die armen Verdammten dieser Erde von ihrer Arbeit leben, wenn die Kapitalisten die Eigentümer der Produktionsmittel sind und die Gewinne ganz allein in ihrer Ecke verzehren, anstatt halbehalbe mit den Arbeitern zu machen?
Wenn mein Onkel eine große Wut hat, dann auf die Kapitalisten, nicht auf die Kommunisten, die sich vereinen müssen, anscheinend wird es ja bald zum Endkampf kommen. Das lernen wir jedenfalls in der Volksschule. Wir sind die Zukunft des Kongo, sagt man uns zum Beispiel, wir verhindern, daß der Kapitalismus den Endkampf gewinnt, wenn es so weit ist.
[Alain Mabanckou]
Pointe-Noir, Ende der Siebzigerjahre. Der Kongo hat längst seine Unabhängigkeit erlangt, und der zehnjährige Michel strebt danach, es seinem Heimatland gleichzutun. Während die Nachrichten im Radio vom Sturz des persischen Schahs berichten und von der Flucht der Roten Khmer, muß Michel sich um seine eigenen Krisenherde kümmern. Seine zwölfjährige Freundin Caroline verlangt mehr Aufmerksamkeit und droht, ihn für einen Grobian aus der Fußballmannschaft zu verlassen. Er »erlebt ein ganz gewöhnliches Abenteuer, nämlich die Entdeckung des Lebens mit dem Kummer, den Gefühlen und den Schlichen, die auf das Dasein als Mann vorbereiten. Es ist die Realität der Erwachsenen, die häufig egoistisch und unreif, aber immer lächerlich sind. Wie alle Kinder auf der Welt, muß der junge Michel seinen Platz zwischen Gerissenheit, Lachen und Verzweiflung finden.«, so J.M.G. Le Clézio über Alain Mabanckous von Holger Fock und Sabine Müller übersetzten Roman »Morgen werde ich zwanzig« (Liebeskind Verlag).
Alain Mabanckou, 1966 in der Republik Kongo geboren, hat Ende der achtziger Jahre seine Heimat verlassen und lebt heute als Autor mehrerer Romane und Gedichtbände in Paris und Los Angeles. Er liest zusammen mit Frank Arnold aus seinem soeben erschienenen Roman.
Moderation und Gespräch: Marie Luise Knott